INTERVIEW mit einer Säule

Kategorie:

Dass die Ecksäule am Gebäude Lauengraben Nr. 1 – dort, wo die Straße in die Äußere Lauenstraße abbiegt – nicht zusammen mit dem Haus erbaut wurde, sondern viel früher entstanden ist, erkennt man sofort. Sandsteinfarben und geprägt von der Zeit ragt sie bis zur ersten Etage hinauf. Drumherum setzt sich das Gebäude weiß verputzt und um etliche Jahrzehnte jünger fort. Eine Infotafel erinnert daran, wozu diese Säule einst gehörte: zum ersten Wendischen Haus in Bautzen, das hier von 1904 bis 1945 stand. Was könnte sie erzählen, wenn man sie danach fragte?

Foto einer Ecksäule aus Sandstein an einem Gebäude

Ecksäule am Gebäude Lauengraben Nr. 1
Foto: Privat/SMB/SI

Was für ein Gebäude stand hier früher?

Ich war Teil des Wendischen Hauses in Bautzen, erbaut zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Genauer gesagt: Die Grundsteinlegung fand 1897 statt. Eingeweiht wurde das Haus am 26. September 1904. 

Grundsteinlegung für das Wendische Haus in Bautzen, fotografiert 1897
Foto: Deutsche Fotothek / Oscar Meister

schwarz-weiß-Foto, auf dem eine Gruppe von Menschen zu sehen ist, umgeben von Resten einer Mauer

Die Baumeister, der Dresdner Architekt August Grothe und der Landbaurat Karl Schmidt, haben sich für das Wendische Haus wirklich mächtig ins Zeug gelegt: Der Bau besaß eine prächtige, floral geschmückte Fassade im Stil der Neorenaissance. In den steinernen Giebeln prangten die Lausitzer Wappen, Kreuz und Bibel, eine Rose als Symbol der Liebe, ein Bienenkorb, der für Fleiß stand – und das Symbol der Sorben: die Linde. Kurzum: Das Wendische Haus war wahrhaft eine Schönheit – und weit mehr als nur ein Gebäude. Es war das erste zentrale, sorbische Vereinshaus überhaupt. In ihm „wohnten“ das Wendische Museum sowie Archiv und Bibliothek der Wissenschaftlichen Gesellschaft Maćica Serbska. Hier befanden sich ein Festsaal für Vereinstreffen, die Schmaler´s Buchdruckerei und Verlagsbuchhandlung, ein Café und Wohnungen. Das Gebäude war auch Sitz der Domowina und ein sichtbares Zeichen der sorbischen Identität. 

schwarz-weiß-Foto des alten Wendischen Hauses, im Vordergrund sind eine Straße und Bäume zu sehen

Das Wendische Haus am Lauengraben in Bautzen, fotografiert um 1935
Foto: Sorbisches Institut Bautzen / Kurt Heine

Was ist dann passiert?

1937 endete diese Zeit abrupt. Die Nationalsozialisten verboten die Arbeit sorbischer Organisationen, vertrieben ihre Vertretenden und beschlagnahmten das Haus. Es blieb stehen, doch sein Sinn wurde ausgelöscht. Der Zweite Weltkrieg begann. Bautzen blieb lange verschont, auch ich hielt stand. Doch im April 1945, in der sogenannten „Schlacht um Bautzen“, wurde alles zerstört – auch das Wendische Haus, beinahe vollständig, niedergebrannt und von Bomben getroffen. Wie durch ein Wunder wurde ich verschont, und nach dem Krieg unterstützten die sorbischen Jugendbrigaden tatkräftig den Neubeginn und halfen beim Aufbau eines neuen Hauses der Sorben am Postplatz (1947-1956).

Räumen der Trümmer als Vorarbeit für den Neubau des Hauses der Sorben. 
Foto: Sorbisches Institut Bautzen / Kurt Heine

schwarz-weiß-Foto mit arbeitenden Menschen auf einem Trümmerhaufen

Wie geht es dir heute?

Naja – man wird nicht jünger. Aber ich stehe noch! Als Erinnerung daran, dass Geschichte nicht verschwindet. Und ich verspreche euch: Sie geht weiter. Umso mehr freue ich mich auf meine alten Tage, dass demnächst ganz in meiner Nähe ein modernes Museum und eine moderne Forschungseinrichtung mit Bibliothek und Archiv unter einem Dach vereint werden – das Sorbische Museum sowie das Sorbische Institut. Und natürlich hoffe ich, dass ich euch neugierig gemacht habe. Wenn ihr mehr wissen wollt: Schaut rein in die Sonderausstellung im Sorbischen Museum auf der Ortenburg! Dort erfahrt ihr mehr über die Geschichte des Wendischen Hauses – und die Geschichte der sorbischen Kultur. Natürlich seid ihr auch herzlich eingeladen in die Bahnhofsstraße 6 – in das Sorbische Institut, mit der Sorbischen Zentralbibliothek und dem Sorbischen Kulturarchiv. Und, nicht zu vergessen: Nutzt gerne auch den virtuellen Lesesaal mit seinen online zugänglichen Portalen, wie etwa dem SORABICON, um die Bestände des Sorbischen Kulturarchivs und der Sorbischen Zentralbibliothek digital zu erkunden. 

Foto mit Blick auf das zu bebauende Gelände, im Vordergrund ist ein großer Parkplatz, im Hintergrund sind mehrere Häuser, die teils sehr verfallen sind

Das Areal, auf dem sich ursprünglich das Wendische Haus befand. Der Pfeil rechts weist auf die verbliebene Säule. Zur besseren Verdeutlichung wurden die Werbeflächen an den Gebäuden entfernt.
Foto: Privat